Ein älteres aber interessantes Interview
von Andreas Kratzer
Diese Podiumsdiskussion ist zwar schon einige Zeit her, doch immer noch sehr aktuell. Vielleicht ist der Text zu lange für einen Blogeintrag. Doch es lohnt sich, ihn zu lesen.
Podiumsdiskussion am 4. Mai 2006 zum Thema:
„Anpacken statt jammern“
Andreas Kratzer, Gablingen
Wie sehen Sie die langfristigen Prognosen in Ihrem Betriebszweig und allgemein in der Landwirtschaft?
Sehen wir uns die Fakten an. Seit 1975 haben sich die landwirtschaftlichen Betriebe halbiert. In der Geflügelwirtschaft sehen die Zahlen noch dramatischer aus. Die Betriebe sind seit dieser Zeit auf 20% geschrumpft. Doch was sagen diese Zahlen? Nichts! Ein Betrieb verdient 50000,- € sein Nachbar macht 50000,- € Verlust. Wie soll man nun diese Branche für die Zukunft bewerten? Wissen wir überhaupt, was wir in Zukunft verkaufen werden? Heute sind es Nahrungsmittel morgen Energie und übermorgen????? Man kann keine Branche auf seine Zukunftsfähigkeit bewerten. Man kann einen Betriebsleiter bewerten, ob er mit den Herausforderungen der Zukunft umgehen kann. Egal ob er in der Landwirtschaft, im Handwerk oder im Dienstleistungsbereich tätig ist. Er muss einfach am Ende des Jahres mehr Geld eingenommen haben wie er ausgegeben hat.
Worauf mussten Sie achten, als Sie sich selbstständig machten? Welche Tipps können Sie Landwirten geben, die sich in einem neuen und noch fremden Betriebszweig selbstständig machen möchten.
Wodurch zahlt sich eine tüchtige Selbstständigkeit, landwirtschaftlich sowie handwerklich aus?
Erfolg, Spaß und Selbstverwirklichung
Welchen beruflichen und privaten Erfolg konnten Sie mit Ihrer Unternehmertätigkeit bzw. Selbständigkeit erreichen?
Ich sehe mich als ein Baumeister eines Netzwerkes. Ich entwerfe Ideen, die ich mit Menschen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten verwirklichen kann. Dabei steht nicht der wirtschaftliche Erfolg im Mittelpunkt. Dies ist die Grundlage, doch viel mehr sind es die Menschen, die aus diesem Netzwerk Erfolg, Spaß und Selbstverwirklichung schöpfen können. Erfolg bedeutet für mich, Anstöße zu geben, damit sich ein solches Netzwerk entfalten kann.
Auf welche Umstellungen z.B. hinsichtlich der Arbeitszeit sowie privater und familiärer Einschränkungen muss sich ein Existenzgründer einstellen?
Für mich gab es keine Umstellung, weil ich schon immer selbstständig war. Doch ich finde es sehr wichtig, sich nicht unabkömmlich zu machen. Leider ist dies wohl eine der schwierigsten Managementaufgaben, seine Arbeitszeit als selbstständiger Unternehmer richtig einzuteilen. Für mich ist es wichtig, Freiräume zu haben, um auch der Kreativität Platz zu geben. Für einen Unternehmer ist nicht entscheidend, wie viel Stunden er arbeitet. Für einen Unternehmer ist entscheidend, was am Ende vom Jahr übrig bleibt. Manche verdienen mit einem genialen Gedanken mehr Geld, wie ein anderer seinem ganzes Leben.
Welche Voraussetzung und persönlichen Einstellungen müssen heutzutage vorhanden sein, um bei der Arbeitsplatzsuche und im Berufsleben erfolgreich zu sein?
Da ich noch nie einen Arbeitsplatz suchen musste, mache ich es mir hier vielleicht etwas zu leicht bei der Beantwortung dieser Frage. Doch ich bin mir sicher, dass Kooperationsfähigkeit und Kreativität zu den Schlüsselqualifikationen gehören.
Ich hätte keine Chance den Beruf Arzt zu erlernen, da mein Speicher (Gehirn) für diese Datenflut nicht ausgebaut ist. Um Arzt zu werden ist eine große Festplatte (Gehirn) sehr wichtig. Bis zur Prüfung wird auch ein leistungsfähiger Arbeitsspeicher dringend benötigt. Doch die Software um die Daten die auf der Platte liegen, richtig zu kombinieren heißt Kreativität. Diese Software kann man sich aber nicht von irgendeinem Lehrplan herunterladen, dazu sind Eigenschaften nötig die vererbt, anerzogen und gefördert werden. Sie heißen Neugierde, Ehrgeiz und Toleranz Und eines ist sicher: Die Festplatte der Menschheit liegt auf Millionen von Servern auf der ganzen Welt – Der Erfolg entscheidet sich bei der Software. Sei es als Bauer oder als Arzt.
Worin liegen allgemein die Stärken unserer Ausbildung gegenüber anderen Ländern?
Ich kenne mich leider in den Lehrplänen anderer Länder nicht aus, doch ich bin mir sicher, dass es in Deutschland genug Angebote gibt um zu lernen. Ich finde es wichtig, auch andere Bereiche und Branchen kennen zu lernen. Dazu müssten die Schulen Möglichkeiten bieten, branchenübergreifende Kenntnisse zu vermitteln. Ich glaube auch, dass einen erheblichen Anteil am Erfolg einer Ausbildung die Lehrer geben. Sie können Interesse wecken und Kreativität vermitteln. Das Wissen, das für ein zukünftiges Berufsleben nötig ist, ändert sich so rasant, dass kaum ein Lehrplan diese Geschwindigkeit halten kann. Deshalb finde ich es richtig, Grundkenntnisse in der schulischen Ausbildung zu vermitteln, für die Fortbildung muss jeder einzelne seinen individuellen Weg finden. Dazu bietet das Internet unbegrenzte Möglichkeiten. Noch nie vorher war das gesamte menschliche Wissen für jedermann zugänglich und in Sekundenbruchteilen abrufbar.
Es wird in vielen Wirtschaftszweigen hervorragende Qualität erzeugt. Diese wird allerdings oft zu Spottpreis verkauft. Ist es überhaupt politisch gewollt, dass Qualität seinen Preis hat?
In einer funktionierenden Marktwirtschaft, hat die Politik keinen Einfluss auf den Preis. Natürlich hat bei uns die Landwirtschaft eine Sonderstellung. Doch auch da funktionieren immer mehr die Prinzipien des Marktes. Ich glaube viel mehr, dass ausgefeilte Produktionsprozesse immer bessere Qualität hervorbringt, und durch eine Steigerung der Produktivität Überkapazitäten erzeugt werden. Hohe Qualität ist Standard!
Ausgezeichnete Qualität ist das Fundament unseres Wohlstandes, ohne die These: Qualität hat ihren Preis würde unser Wirtschaftssystem in Deutschland nicht funktionieren. .
Man hört oft, dass viele fertig ausgebildete nicht übernommen werden. Ist es überhaupt sinnvoll eine Ausbildung in Wirtschaftszweigen zu machen, die eh schon personell ausgelastet sind?
Da ich meine Ausbildung nicht aus einem Kaugummiautomat ziehen kann, vergehen einige Jahre, bis ich mit einem Titel abgeschlossen habe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Menschen auf der Welt gibt, der sagen kann, welche Berufe in fünf Jahren gefragt sind. Wohl als extremstes Beispiel für diese These war die New Economy. Für mich ist das Entscheidende für die Berufswahl die eigenen Neigungen und Fähigkeiten. Danach muss ich meine Ausbildung ausrichten. Natürlich sollte man nicht gerade träumen, wenn man sich diese Frage stellt. Doch mit einer gewissen Portion Realismus, kann hier nichts schief gehen. Die eigentliche berufliche Entwicklung beginnt eh erst nach der Ausbildung.
Ist es in Zukunft unabdingbar, Marktnischen zu besetzen, was an sich ja nicht schlecht ist, aber benötigt jeder Mittelstandsbetrieb Marktnischen um sein Unternehmen halten zu können?
Das kommt wieder auf den Betriebsleiter selbst an. Ich muss mich fragen, wo liegen meine Fähigkeiten? Kann ich meine Produktion so organisieren, um auf einem Massenmarkt konkurrenzfähig zu sein? Wo bin ich besser als mein Wettbewerber? Bei diesen Fragen überschätzt sich wohl der ein oder andere Landwirt. Oder muss ich mich in einer Ritze einnisten, um den kräftigen Wind des Wettbewerbes auszuweichen? Sicher ist es gemütlicher in einer Ritze, doch wenn sie in dieser Ritze Erfolg haben, werden sie nicht ewig alleine sein. Sie müssen ständig nach neuen Ritzen suchen. Im Gegensatz zum Massenmarkt, dort kann ich mich einzig und allein auf die Produktion konzentrieren.
Welch Auswirkungen wird die MwSt Erhöhung haben?
Habe ich mir noch keine Gedanken gemacht
Wie kann man verhindern, dass noch mehr Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden?
Durch weniger Bürokratie und Bildung, Bildung, Bildung und noch einmal Bildung
Liegt die hohe Jugendarbeitslosikeit auch an der mangelhaften Ausbildungfähigkeit der Jugendlichen? Haben arbeitswillige Jungendliche noch Chancen in der heutigen Zeit?
Ich bin überzeugt davon, dass die größte Verantwortung hier bei den Eltern und die Wahrnehmung ihrer Erziehungsaufgabe liegt. Viele Jugendliche sind nicht mehr fähig Verantwortung zu übernehmen und können sich in eine Gruppe nicht mehr eingliedern. Die soziale Kompetenz ist eines der größten Wettbewerbsnachteile von Auszubildenden mit schlechten Leistungen. Gerade bei kleineren und mittleren Betrieben ist dieses Defizit oft ein Grund nicht auszubilden.
Auch eine Anspruchshaltung der Jugendlichen ist nicht angebracht. Man müsste in der Schule die Aufgabe einer Lehre besser vermitteln. In diesen Jahren geht es nicht um Geldverdienen, es geht um (Aus) Bildung. Und die kostet normalerweise etwas! Engagierte Jugendliche haben Chancen, haben Zukunft!
Warum springt die positive Stimmung der Wirtschaft nicht auf den Arbeitsmarkt über?
Weil die Produktivität in einem rasenden Tempo voranschreitet, und die Innovationskraft für neue Produkte und Dienstleistungen in Deutschland diesem Tempo nicht immer Schritthalten kann.
Inwieweit haben bürokratische Hemmnisse Einfluss auf die betriebliche Entwicklungsfähigkeit?
Hier prallen Welten aufeinander. Ein Unternehmer der etwas unternimmt und somit nie eine 100% Sicherheit hat, und ein Beamter der meint, dass die ganze Welt so zu ordnen ist, wie sein Arbeitsvertrag. Hier entsteht Frust und Kapitulation. Viel Innovation, Kreativität und Geld wird darunter vergraben. Es besteht die Gefahr, dass die Politik versucht die Wirtschaft zu steuern.
Als Beispiel möchte ich die Förderung des ländlichen Raumes nennen. Ein Beamter hat eine Idee. Bauern könnten Raststätten an der Autobahn bauen. Da das betriebswirtschaftlich eh nicht funktioniert, schießt der Staat viel Geld dazu. Da Bauern hören, dass es viel Geld gibt, nehmen sie auch viel Geld in die Hand um das vom Staat zu bekommen. Doch da es Geld vom Staat gibt, möchte dieser auch mitreden, und erlässt Vorschriften und Bedingungen Das Resultat: Viele schöne neue bankrotte Autobahnraststätten!
Sinnvoller wäre es, seinen eigenen Kopf anzustrengen und selbst etwas auf die Beine zustellen. Pfeifen sie auf das Geld vom Staat!
Welche konkreten Vorschläge zur Entbürokratisierung stellen Sie an unsere Politiker?
Mehr Markt, mehr Wettbewerb und mehr Freiheit
Kategorie:: Meinungen am 28.05.07, 20:29

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