Edeka schießt den fairen Vogel ab


von Andreas Kratzer


Es ist wirklich interessant, was sich große Marketingargenturen alles einfallen lassen, um an Kunden zu kommen. So kann man bei der Edekatochter „Netto“ jetzt beim Milcheinkauf wählen, ob man fair zu sich selbst ist (Der Liter Milch kostet 0,61 €) oder fair zu den Landwirten (Der Liter Milch kostet 0,71 €). Was immer das auch heißen soll.

Was wird denn in einem Discounter fair gehandelt? Oder andersherum, was ist denn überhaupt „fairer Handel“? Oder lassen wir den „Handel“ bei Seite. Stellen wir uns einfach die Frage „Was ist fair?“

Für mich ist das eine ganz klare und einfache Definition. Fair ist, wenn ich meine Macht nicht missbrauche. Und da kann jeder bei sich selbst anfangen. Wie gehe ich mit meinen Mitarbeitern um? Nütze ich es aus, wenn jemand in Schwierigkeiten kommt? Nütze ich meinen Wissensvorsprung aus, um einen anderen zu übervorteilen?

Die Frage ob etwas Fair ist, stellt sich für mich erst dann, wenn ein gewisses „Machtungleichgewicht“ herrscht. Je ungleicher das Kräfteverhältnis ist, umso mehr Courage gehört dazu, sich fair zu verhalten. Deshalb möchte ich mich mit meinem Geschäft überhaupt nicht als „besonders fairen Geschäftspartner“ ins Licht rücken. Zwischen mir und meinen Lieferanten herrscht ein Gleichgewicht.

Doch wenn man die Zeitung aufschlägt und in den Wirtschaftsteil blickt, kann man täglich sehen, dass dieses Gleichgewicht total aus den Fugen geraten ist. Da gibt es Banken, die den Wissensvorsprung gegenüber ihren Kunden ausnützen. Da gibt es Arbeitgeber, die es ausnützen, dass es weniger Jobs wie Arbeiter gibt. Da gibt es Lebensmittelhändler die ihre Marktmacht ausnützen und Lebensmittelproduzenten in den Ruin treiben. Da gibt es Molkereien, die es ausnützen, dass es mehr Milch gibt, wie benötigt wird.

Jetzt könnte man es sich einfach machen, und die ganzen „unfairen“ Geschäftspraktiken verurteilen. So einfach ist es aber nicht. Was würde denn passieren, wenn Netto nur „faire“ Milch für 0,71 € verkaufen würde. Aldi aber die Milch für 0,61 €. Auf kurz oder lang würde es Netto nicht mehr geben. Dann wäre es zwar gut gemeint, doch es hätte keinen nachhaltigen Nutzen.

Das Einzige was gegen unfaire Bedingungen im Handel hilft sind mündige Kunden. Wenn jemand 10 Eier für 0,89 € kauft und sich über die Haltungsbedingungen der Hühner informiert hat, mit diesen einverstanden ist, dann hat er die Eier ganz bewusst gekauft. Für dieses Verhalten möchte ich niemand einen Vorwurf machen.
Doch wenn ich Eier für 0,89 € kaufe, dann noch schimpfe wie schlimm die Käfighaltung ist, in einer örtlichen Bürgerinitiative gegen einen neuen Hühnerstall in meiner Nähe mich engagiere, dann ist dies für mich ein unmündiger Verbraucher, für den ich keinerlei Verständnis habe.

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