Ich bin froh, dass ich Sie habe!


von Andreas Kratzer

Kennen Sie den Film „Das Experiment“? Es werden 20 freiwillige Teilnehmer gesucht, um ein Gefängnis zu simulieren. Scheinbar zufällig werden sie in Wärter und Gefangene unterteilt und von einem Wissenschaftler-Team beobachtet. Die Gefangenen müssen dabei auf einige Grundrechte verzichten, während die Wärter angewiesen sind, angemessen zu reagieren. Es waren ganz normale Menschen, denen Macht über andere gegeben wurde. Das Experiment eskaliert. Im Film gibt es Tote und Verletze. Die Vorlage des Films war das Stanford-Prison-Experiment.

Was hat das alles mit meinem Blog zu tun? Der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland zeigt sehr starke parallelen zu diesem Experiment auf. Nur das dieser Versuch nicht mehr abzubrechen ist, sondern das wir uns mitten in der Wirklichkeit befinden.
Eine Gruppe von Menschen die bei „Rewe, Metro, Edeka, Aldi, Lidl“ arbeiten, haben die Macht über 5900 Betriebe die Lebensmittel herstellen. Über eine halbe Mio. Mitarbeiter die für diese Firmen arbeiten. Über 420 000 landwirtschaftliche Familien.

In der Financial Times Deutschland las ich einen Bericht „Geschacher um Lebensmittel“. Dort wurde die Situation in der sich viele Lebensmittelhersteller befinden beschrieben. “Es ist schlimmer als jemals zuvor”, stöhnt ein mittelständischer Getränkehersteller. “Wir stehen mit dem Rücken an der Wand.” Es gebe eine Menge Unternehmen, prophezeit der Firmenchef, “die die nächsten sechs Monate nicht mehr überleben” Besonders schlimm trifft es die Unternehmen, die über keine starke Marke verfügen. Sie werden zum Spielball der Einkäufer. „Es geht nur noch um den Preis“

Als kurzsichtiger Egoist würde man jetzt sagen: „Wenn juckt´s?“ Eigentlich hat durch diese Praxis der Verbraucher nur Vorteile. Nirgendwo auf der Welt kann man so billige Lebensmittel kaufen wie in Deutschland. Doch zu welchem Preis?

Die Bauern werden beschissen (Frankfurter Rundschau)
Hunderte deutscher Milchbauern wollen ihre Milch in den Gulli schütten. Vor allem, um einen “fairen Preis” zu bekommen, wie sie sagen: 43 Cent pro Kilo Milch, das sei der Herstellungspreis, nicht die 35 Cent und weniger, die die Molkereien ihnen nach der jüngsten Preissenkung überwiesen haben. Was die Verbraucher freut – Lidl, Aldi, Rewe haben den Milchpreis im April von 73 auf 61 Cent gesenkt- , erleben Hunderte von Milchbauern als existenzielle Bedrohung. Strom, Sprit, Kraftfutter sind auch für sie teurer geworden. Doch ihre Ware ist gerade so viel wert wie in den 80er Jahren…..

Die Arbeitnehmer in der Lebensmittelindustrie werden beschissen (Die Zeit)
„Ich will wissen, wie es in einer Firma zugeht, die sich einem einzigen Großabnehmer ausgeliefert hat, noch dazu dem Discounter Lidl, der dafür bekannt ist, aus seinen Mitarbeitern und Zulieferern das für ihn Optimale herauszupressen und dessen Konzernherr Dieter Schwarz auf diese Weise mit seinen mehr als 10 Milliarden Euro Ersparnissen zum viertreichsten Deutschen emporstieg.“ Günter Wallraff

Günter Wallraff arbeitete vier Wochen in einem Betrieb, der für Lidl Brötchen herstellt. Wie es den Mitarbeitern in solch einem Betrieb ergeht, können Sie in diesem Bericht nachlesen.

Die Arbeitnehmer in den Lebensmittelgeschäften werden beschissen (Der Stern)
„Diese Bespitzelung hat ein unglaubliches Ausmaß. Eine solche Systematik habe ich nicht erwartet. Sie dokumentiert tiefstes Misstrauen in die Beschäftigten und dokumentiert die Missachtung der Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter. Das System Lidl leistet einen Offenbarungseid..“ Frau Mönig-Raane

Der Fair Trade Kaffee in den Regalen der Discounter wirkt dabei wie blanker Hohn. Doch ich möchte an diesen Beispielen niemand den schwarzen Peter zuschieben. Ich denke, dass es normale menschliche Reaktionen sind, die sich hier abspielen. Die Kräfteverhältnisse im Lebensmitteleinzelhandel sind aus den Fugen geraten. Noch profitiert der Verbraucher durch den harten Konkurrenzkampf. Doch wie lange wird dieser in der Härte geführt werden? Komischerweise haben die fünf großen Lebenmitteleinzelhändler alle Milchprodukte am selben Tag auf denselben Preis gesenkt. War es Zufall? Das glaube ich nicht! Wenn sich fünf Leute in Deutschland absprechen, kann der Preis auch in die andere Richtung gehen.

Ich bin überzeugt davon, um nachhaltig Lebensmittel erzeugen zu können, muss das Verhältnis „Bauer, Handwerker, Händler und Verbraucher“ als eine ehrliche Partnerschaft verstanden werden. Das Ziel für alle muss heißen: Gesunde und leckere Lebensmittel zu erzeugen. Alle Beteiligten sollen von dieser Partnerschaft profitieren. Sonst bleibt die Nachhaltigkeit auf der Strecke. Ich bin dabei!

1 Kommentar zu “Ich bin froh, dass ich Sie habe!”

  1. [...] Ein interessanter Artikel zu diesem Thema steht in der “Welt online” Meine Meinung zu diesem Thema können Sie im Artikel “Ich bin froh, dass ich Sie habe nachlesen” [...]

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