Krise des Finanzsystems


von Andreas Kratzer

Am Wochenende besuchte ich in der evangelischen Akademie in Tutzing eine Tagung zum Thema „Krise des Finanzsystems“. Es war eine sehr interessante Tagung mit sehr kompetenten Referenten. Sie waren sich alle einig „Es ist sehr ernst!“ In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen einen Brief zeigen, den ich Anfang 2006 unserem Vorstand der Raiffeisenbank geschrieben habe.

26. Mai 2006

Offener Brief an die Vorstände und Aufsichtsräte der Raiffeisenbank Meitingen – Gersthofen

Sehr geehrter Herr Zwerger,

ich möchte die Gelegenheit nutzen, Ihnen meine Sichtweise der Entwicklung meiner Bank mitzuteilen. Auf einer Generalversammlung ist dies leider nicht mehr möglich.

Vor 150 Jahren als die Industrialisierung in Europa in vollem Gange war, fegte ein gewaltiger Umbruch über unser Land hinweg. Viele Menschen kamen bei diesem Um-schwung nicht mehr mit und fielen durch den sozialen Rost. In dieser Zeit hatte ein Mann eine Vision. Er wollte den Menschen eine Chance geben, ihr Leben eigenverantwortlich und selbstständig zu gestalten. Er forderte sie auf, enger zusammenzurücken. Die Genossenschaft war geboren. Der Name des Mannes lautete, Friedrich Willhelm Raiffeisen.

Der Name Raiffeisen ist inzwischen zu einem starken Markenzeichen geworden. Doch wer verbindet diesen Namen noch mit einer Gemeinschaft? Mit einer Gruppe, die gemeinsame Ziele verfolgt, in der jeder für jeden da ist? Oder kennen Sie noch einen Unterschied zwischen einer Raiffeisenbank und einer Sparkasse, außer dem Logo?

Mitgliederorientierung, Demokratie, Regionalität, Solidarität und Subsidiarität, die Grund-werte einer Genossenschaft, kennt jeder von uns. Doch wenn ich meine örtliche Bankfiliale betrete, wird mein Name in den Datensatz 422460 umgewandelt. Ich bin mir sicher, wenn Herr Raiffeisen sehen würde, was unter seinem Namen geschieht, würden viele Bankdirektoren in Deutschland wegen Namensrechtverletzung angeklagt. Raiffeisen wollte etwas anderes. Er schuf Organisationen, die die Interessen ihrer Mitglieder in den Mittelpunkt stellten. Die Organisation war für die Mitglieder geschaffen. Der Erfolg bestand nicht nur in einem Parameter, der sich in der Höhe der Dividende widerspiegelte. Die Wirtschaftlichkeit war die Grundlage, doch er wollte, dass Menschen füreinander einstehen. Diesen Erfolg kann man nicht in eine Prozentzahl gießen.

Für mich ist es ein Graus, wenn diese Entwicklung immer mit der allgemeinen Entwicklung gerechtfertigt wird. Kann denn mit solch einer Einstellung Neues geschaffen werden, wenn wir uns nur anpassen? Meiner Meinung nach sind solche Äußerungen nur ein Mangel an Kreativität. Die Gründer der Genossenschaftsbewegung sind es, die in der Frühphase der Industriegesellschaft das taten, was im Zeitalter der globalen Informationsgesellschaft erst recht notwendig ist: Initiative zeigen und Neues wagen. Weniger Anpassung, mehr Widerstand ist gefragt. Mag sein, dass sich das kurzfristig nicht auszahlt; mittel- und langfristig, so meine feste Überzeugung, aber schon.

Der wirtschaftlich vernünftig handelnde, weil auf seinen Vorteil bedachte Mensch wurde zum Leitbild einer Gesellschaft, und dieses Leitbild wurde gesellschaftsmächtig, weil die Nach-kriegsgesellschaften im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts ökonomisch so außerordentlich erfolgreich waren. Doch dieses Leitbild artete aus, und gipfelte in dem allen bekannten Unwort: Turbokapitalismus und shareholder value. Nur noch der kurzfristige eigene Vorteil zählt. Alles andere ist egal. Kurzsichtigkeit und Egoismus sind keine nachhaltigen Eigen-schaften, die langfristigen Erfolg versprechen.

In Deutschland war das soziale Denken fast ausschließlich auf den Staat fixiert, von dem man sich die Erlösung von allen gesellschaftlichen Übeln erhoffte. Doch dass dies nicht mehr funktioniert, können wir täglich in den Nachrichten hören. Doch wer trägt dafür die Verantwortung? Ich bin überzeugt davon, dass jeder dazu seinen Beitrag leisen muss. Vor allem die bestehenden Genossenschaften haben meiner Meinung die Aufgabe, die Werte des Herrn Raiffeisen, und seien sie ihrer Meinung nach noch so altmodisch, in ihrer Firmenphilosophie zu kommunizieren und auch vorzuleben. Sonst müsste die logische Konsequenz eine Namensänderung sein. Dass dies nicht mit Verzicht geschehen muss, sehen wir an erfolgreichen Menschen die Vertrauen in die Gesellschaft haben. Sie können Verantwortung abgeben. Sie sehen die Stärken ihrer Mitmenschen. Sie können Netzwerke schaffen in der alle Beteiligten profitieren, unter anderem auch Sie. Sie sind erfolgreiche „Genossen“.

Aus diesem Grund stößt mich auch der Werbespot der Raiffeisenbanken auf. „Wir machen den Weg frei“ Das ist eine Aussage, die in keinster Weiße den genossenschaftlichen Prin-zipien entspricht. „Wir“, da ist die Bank gemeint. „Den Weg“ das ist mein Weg. Eine Genossenschaft lebt aber von einer Gemeinschaft in der ich nicht nur fordern kann, also „meinen Weg frei machen“. In eine Genossenschaft muss ich auch etwas mit einbringen um diesen Weg freizumachen. Deshalb würde der Werbespot „Gemeinsam machen wir unseren Weg frei“ viel besser zu einer Genossenschaft passen. Dann wäre ich wieder ein Teil dieser Gemeinschaft. Ich könnte mich mit Ihr identifizieren und Solidarität würde entstehen.

Ich bin überzeugt davon, dass diese allgemeine „Fusionswelle“ die über unsere Raiffeisen-banken hereinbricht nicht den Zielen der Genossenschaft entspricht. Wie soll Solidarität und Vertrauen entstehen, wenn ich mit noch 15000 Genossen in meiner Bank bin? Dann ist es auch egal, ob es 15`000, 150`000 oder 1,5 Mio. sind. Ich habe keinen Bezug mehr zu Ihnen. Ich bin sogar der umgekehrten Meinung, dass Regionalität ein Differenzierungskriterium ist, und nicht als Wachstumshemmnis angesehen werden muss. Doch neue Organisationsformen sind dann gefragt. Das heißt Kreativität! Denn eines ist sicher, der Erfolg oder Misserfolg einer Genossenschaft heißt Vertrauen und Solidarität. Wenn dies nicht vorhanden ist, ist auch der Begriff Genossenschaft eine Phrase. Solidarität von Genossenschaftsmitgliedern mit ihrem „Unternehmen“ hängt davon ab, inwieweit es gelingt, über finanzielle Vorteile hinaus nach außen und innen eine besondere Identität zu schaffen. Von diesen Werten entfernen Sie sich in Lichtgeschwindigkeit.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Kratzer

2 Kommentare zu “Krise des Finanzsystems”

  1. Sehr geehrter Herr Kratzer,

    Ihre Sichtweise ist sicherlich eine sehr persönliche – es gibt jedoch volkswirtschaftiche Gesetze und Strömungen, die den Markt bewegen und ein betriebswirtschaftliche Reaktion erzwingen.

    Allein die Gesetzte der Makroökonomie sind hier unumstößlich und empirisch erwiesen. Wir befinden uns hier gerade einer großen Veränderungswelle, die auch in dieser Form nicht zum ersten Mal auftritt.

    Daher kann ich Ihnen in ihren Ausführungen leider nicht zustimmen – das was passiert – gerade im Zusammenschluß von Unternehmen, um Synergieeffekte zu erzeugen und auf die allgemeinen Gesetzte des Marktes zu reagieren – ist “normal” und sehr wichtig…

    Dir Kreativität liegt nicht darin, sich makro- udn mikroökonomischen Gesetzten zu widersetzen, sondern die natürlichen Entwicklungsströmungen clever und sinnvoll zu nutzen.

    Sorry, wenn ich nun doch mal in Fachsprache reagiere – aber um genau das zu verstehen und zu steuern studiert man ein paar Jahre Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft…

    wenn Sie sich für dieses Thema interessieren, kann ich Ihnen sicherlich ganz spannende Literatur empfehlen…

    Viele Grüße aus dem nebeligen Hamburg!!

  2. Nicht nur der Markt ist in Bewegung, alles ist in Bewegung. Und nach jedem Aufschwung kommt der Boom, Rezession und die Depression Bestimmt kann man den Raiffeisenbanken im Bezug auf die aktuelle Finanzkrise keine Versäumnisse vorwerfen. Viele dieser Banken haben sich in der Vergangenheit vorbildlich verhalten. Und ich bin genau Ihrer Meinung „Stillstand ist der Tod“ Auch eine Raiffeisenbank muss sich weiterentwickeln. Doch dafür gibt es nicht nur ein Rezept, das da lautet „Wachstum durch Fusion“. Damit Sie mich aber nicht falsch verstehen, natürlich halte ich unter bestimmten Vorraussetzungen Fusionen für Richtig. Doch das entscheidende für eine lokale Bank ist, in einem starken Verbund organisiert zu sein. So ist es möglich Synergieeffekte zu nutzen ohne das Subsidiaritätsprinzip aufgeben zu müssen.
    Auch der Begriff Kreativität bedeutet für uns das Gleiche, „die natürlichen Entwicklungsströmungen clever und sinnvoll zu nutzen.“ Genau dazu ist Kreativität nötig.
    • Doch war es kreative, dass der Allianzkonzern sich mit der Dresdner Bank verbunden hat?
    • War es kreative, dass sich Daimler mit Chrysler verbunden hat?
    • Ist es Kreative, was die Schäfflergruppe im Moment macht?
    Ich glaube eher, diese Fusionen sind ein Mangel an Kreativität. Eher ein Ausdruck von Größenwahn. Sie haben Recht. Durch Zusammenschlüsse kann man Synergien erzeugen. Doch was oft vergessen wird, durch Zusammenschlüsse kann man Vertrauen verspielen. Herr Hennig Giesecke Mitglied des Vorstands der HypoVereinsbank erklärte es in seinem Vortrag in Tutzing mit den Worten „Dieser etwas amorphe psychologische Zustand ‘Vertrauen’ ist wichtiger als klar definierte Werte, wichtiger als Geld und Gold, um nachhaltig erfolgreich arbeiten zu können.“ Doch Vertrauen kann nur zwischen Menschen wachsen. Zwischen einem Arbeitsplatz und einer Kontonummer kann kein Vertrauen entstehen. Das ist die Chance der Raiffeisenbank!

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